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Wandlung

Kerstin Studt

Dynamisch kraftvolle Komplementärfarben wandeln sich in von sattem Blau getragene Feuerfontänen, durchbrochen von andersfarbigen Ornamenten und kurzen Pinseltupfern. Spiralen werden zu Schattenrissen, organische Formen wirbeln auf transparent wirkendem Hintergrund. Sie umhüllen die Schemen eines aus Blumenwolken strebenden weiblichen Körpers, der sich erst auf den zweiten oder dritten Blick entpuppt. Neonpink, Orange und glühendes Rot laden auf großformatigen Werken zum Feuertanz.

Die aktuellen Werke der Künstlerin Kerstin Studt nehmen den Frühling vorweg und stimmen auf die üppige Blütezeit ein. Die neue Ausstellung in der FLEXIM Galerie präsentiert seit dem 17. Februar zum zweiten Mal ihre Arbeiten. Schon als Kind begeistert sie sich für Keramik und Plastik und gestaltet erste Werke. Nach dem Abitur folgt Kerstin Studt ihrer Leidenschaft und beginnt ein Studium der Kunstpädagogik und Germanistik an der Berliner Humboldt Universität. Die Möglichkeit, die riesigen Ateliers der Hochschule der Künste zu nutzen, eröffnet ihr den Zugang zur freien Malerei. Seit 2002 arbeitet sie hauptberuflich als Kunstpädagogin.

Vor der Leinwand genießt sie den Augenblick, in der eigenen Handschrift einfach los zu malen und der Intuition zu folgen. Ihre vieldeutigen Bilder, oft arbeitet sie an mehreren gleichzeitig, wachsen in einem langwierigen Prozess. Manchmal führt die Entwicklung über mehrere Jahre zu einer gegenwärtigen Vollendung, immer offen für eine weitere Transformation. Ihre Themen entspringen einem inneren Konzept. In zwölf miteinander verbundenen Quadraten verbildlicht Kerstin Studt die „Penthesilea“ aus der griechischen Mythologie und in der Trilogie „Top, Flop, Hop - Drei Götter Hoffnung“ den Konflikt Shen Tes in „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bertolt Brecht. Geometrische Formen und Blütenornamente geben dem Schicksal der zentralen Figur in „Fatum“ Struktur, während sich das ungewisse Chaos der Zukunft in schemenhaften Pastellfarben entwickelt.

Die Bilder von Kerstin Studt erlauben viel Interpretationsspielraum, jeder Pinselstrich wird zu einem Wink sich einzulassen. Auf kühlem Blau wird Gelb zu Rot von Spiralen durchzogen. Die konträre Farbwahl verleiht Tiefe, diffuse Leuchtkraft und bestimmt die Plastizität ihrer Werke. Mit Titeln wie „Das Übliche also - Wie weit können wir gehen -“ oder „ungesagt“ scheinen die angedeuteten, eng miteinander verwobenen Gestalten den Alltag abzubilden. Hier überlagern gesprayte Schablonenmuster den gemalten und teilweise abgedeckten Hintergrund. Sattfarbene Seifenblasen umkreisen einen skizzenhaft umrissenen, knienden Frauenkörper in „Kinderspiel“.

In ihren neuen Arbeiten verdichtet sich das Motiv einer wesentlichen Gestalt, die aus dem Rahmen drängt. Bewegung, Strahlkraft und Tiefe entstehen durch gezielt gesetzte Lichteffekte. „Voller Durchblick“ wird gewährt durch ein Muster gelb leuchtender Fenster im aubergineblauen Hintergrund. Wie ein Vulkan entspringen rotlodernde Feuerbäume aus dunklem Warmviolett in „Fly me“. „Du meine Flamme“ lenkt den Blick auf die angedeutete Rückenansicht einer Tänzerin in weit schwingendem Rock mit Faltenwurf in Rot. Erst viel später entdeckt er eine Hand, die aus einer Fläche unzähliger kurzer Pinselstriche ragt.

Die Arbeiten von Kerstin Studt verlangen Aufmerksamkeit und Muße, um eintauchen zu können in ihre quirlende Lebendigkeit und Farbenkraft. Der Blick will schweifen, doch wird immer wieder festgehalten von einem neuerlich entdeckten Element auf der Leinwand, aus dem sich andere Linien und Formen entwickeln. Die Freiheit des persönlichen Vorstellungsvermögens entscheidet, ob ein Serpentinenweg über Klippen, heillos verknotete Wollknäuel, ein Schlangennest oder ein spiralförmig verlaufender Lebensweg sichtbar wird. Die Gedanken kommen dabei zur Ruhe und gehen weg davon, etwas erkennen oder interpretieren zu wollen. Sie tauchen ein in Farben und Formen, folgen den Impulsen, verharren und genießen den Moment der Vollkommenheit in dem sich die Seele enthüllt.

Text: Sigrid Fontana