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Schwebemomente

Peggy Berger

Ein schwimmendes Kind wird von einer Ente am Ufer bewacht. Ein Junge, mit einem kleinen Hund in orangener Schwimmweste an der Leine, entsteigt den Fluten und wirft die Frage auf, wer hier denn wen gerettet hat. Ein Bett schwebt in einem transparent bläulichen Farbenmeer, umhüllt vom sanften Faltenwurf eines Baldachins. Er scheint den androgyn wirkenden Tänzer in gewagter Sprungpose vor dem freien Fall ins Ungewisse zu schützen. Fließende Formen in zahllosen Pastellvarianten wechseln sich mit geometrischen Elementen ab, Gegenständliches amalgamiert mit Figürlichem und dem Hintergrund zu Momentaufnahmen der Wahrnehmung.

Seit dem 1. Februar 2021 zeigt die FLEXIM Galerie eine Auswahl der surreal anmutenden Bilderwelten der Malerin und Grafikerin Peggy Berger, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. Peggy Berger, Jahrgang 1971, dörflich in der Nähe von Dresden aufgewachsen, war schon immer von Stift und Pinsel fasziniert. Bereits als Schülerin besucht sie Zeichenzirkel und die Malvorbereitung der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meissen und beginnt dort 1988 eine Lehre zur Porzellanmalerin. Nach Weiterbildungen in Mediengestaltung, dem Besuch der Fachoberschule für Gestaltung in Dresden und dem Studium Grafikdesign in Heiligendamm vollendet sie zwischen 1997 und 2002 ihre Ausbildung mit dem Diplom Bildende Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Dresden bei Prof. Max Uhlig.

In der Tradition der informellen Malerei, folgt Peggy Berger keiner vorgegebenen Form oder einem geplanten Ergebnis, sondern entwickelt auf der Leinwand ein Thema zu einer Komposition aus realistischen, abstrakten und surrealen Elementen. Jedes Werk bleibt offen für spontane Veränderungen und sich wandelnde Sichtweisen. Einige ihrer Arbeiten können nach Monaten oder Jahren der ersten Fertigstellung einen inhaltlichen Wandel erfahren. In der Landschaftsstudie „Kirrnitzschtal (2017)“ tauchen erst vor wenigen Wochen „Die Goldgießer (2021)“ aus einem imaginären See auf.

Die „Vierfalltigkeit" eines Kissenbergs stützt den Ellenbogen eines Mannes, der gerade sein blau leuchtendes Smartphone kontrolliert. Sein Körper ruht auf einem gradlinigem Diwan und erst beim Nähertreten lässt sich entdecken, dass an seiner Seite eine schlafende Frau mit angewinkelten Beinen fast aus dem Format zu fallen scheint. „Rabbit Pillows“ enthüllt erst auf den zweiten Blick einen geometrisch ausgearbeiteten langohrigen Hasenkopf, der drei übereinandergestapelte Kissen krönt. Darunter wirkt ein dreifach gespiegeltes Männergesicht so, als würde es sich in einer Zeitlupen Trance von der einen zur anderen Seite rollen.

Peggy Berger enthüllt die zahlreichen Facetten des Bildinhalts erst beim konzentrierten Hinsehen. Ihre Bilder in zarten Pastelltönen mit funkelnd hervortretenden Farbsprengseln wirken aquarellartig. Doch ihre Tiefenwirkung entsteht durch flüssig aufgetragene Ölfarben, deren Intensität sie mit Farbverdünnung sprengt. Sie arbeitet ohne Vorzeichnungen und grundiert ihre meist mittelformatigen Leinwände nur sparsam oder teilweise, manchmal mit Acryl in Neonpink oder -gelb. Kontrastreich mit Öl übermalt, entfalten sich Lichteffekte durch symmetrisch gesetzte Pinselstriche, vertieft durch weichzeichnende Colour-Shaper aus Silikon, mit denen die Farbe sowohl konturiert als auch durchscheinender wirkt. Mit der abgezogenen Farbe setzt sie leuchtende Akzente.

Ein mit Rüschen besetztes Gewand aus dem vergangenen Jahrhundert liefert Peggy Berger die Anregung zu einer „Mondbegleiterin“, die ihren Blick in die Ferne außerhalb des Bildes richtet. Im Hintergrund ein feingeschnittenes Männerprofil mit helmartiger Frisur. „Jelly fish“ entsteht nach einem Besuch im Meereskundemuseum Stralsund aus kontrastreichem Indigo , Neonpink und Weiß. Die traumwandlerisch wirkenden Werke der Künstlerin sind inspiriert von alltäglichen Situationen. Ob Modefotografie, Musikvideos, Landschaften, Dekorationen oder Verzierungen auf Stoffen und zufällig entstandene Naturkunstwerke: Peggy Berger hält ihre Eindrücke, Begegnungen und Ereignisse mit dem Smartphone fest und verbindet sie zu beinahe filmischen Sequenzen. Die sich vielfältig überlagernden Motive öffnen den Betrachtenden Spielraum und Projektionsfläche für eigene Erfahrungswelten. Die Kunst von Peggy Berger ereignet und wandelt sich in jedem Moment in eine zerfließende Endlichkeit und lässt dynamische Prozesse anschaulich werden.

Text: Sigrid Fontan