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Konturen

Kai Hellbardt

Strahlendes Gelb, karibisches Blautürkis und loderndes Rot kontrastiert gegen natürliche Haut Töne, steinernes Grau und lichtes sommerliches Grün. Die klaren Farben erhalten Plastizität durch scharfumrissene Linien in feinen schwarzen oder grauen Pinselstrichen. Sie heben Flächen hervor oder vertiefen die Dimensionen utopischer Bilderwelten und abstrakter Hauptstadtansichten.

Passend zur heißen Jahreszeit erfrischt die heitere Tiefgründigkeit der Arbeiten von Kai Hellbardt. Zum dritten Mal zeigt die FLEXIM Galerie seit dem 18. Juni 2019 Werke des Künstlers aus dem Schaffensprozess der letzten zehn Jahre. Ob naturgetreues Portrait mit surrealem Charakter oder Phantasiewesen aus der Urmasse: Kai Hellbardt ist Perfektionist mit Liebe zum Detail. Schon beim Spannen der Leinwand und den ersten Grundierungen mit Kreide baut er eine enge Beziehung zu der künftigen Darstellung auf. Er skizziert die einzelnen Elemente mit Bleistift, setzt erste Farbakzente mit Acryl, füllt sie mit dünnflüssiger Ölfarbe und vollendet sie, losgelöst vom kreativen Prozess, mit konturierenden Pinselstrichen.

„Spielend fasst und dreht er seine Finger“ titelt der Berliner Künstler seine klar durchstrukturierten Explosionen der Farben und Formen mit scharf voneinander abgegrenzten Umrissen. Von gelben amöbenhaften Figuren durchbrochen, wandeln sich Rundungen und gerade Linien in dunklem und hellem Rot in ein leuchtendes Orange. Daraus wächst eine gefleckte Schlange. Ein tulpenförmiger Pokal gebiert eine männliche Gestalt, die an einer weiblichen Figur mit abgewandtem Blick Halt sucht. Wie im gemeinsamen Erleben einer unerfüllten Sehnsucht verharrt das Paar, umgeben von Fabelwesen und drachenförmigen Amphibien, während aus ihrer Verbindung ein kleiner realistisch dargestellter Junge in Daunenweste von der Stiefelspitze in das dunkle Universum herausgekickt wird. Doch ihn begleitet ein winziger gehörnter Kobold mit dünnen Spinnenbeinen, dieses außerirdisch anmutende Wesen, das in jedem Werk von Kai Hellbardt zu entdecken ist.

Geometrische und organische Formen im Wechsel erzeugen einen magisch utopischen Realismus. Das zufällige Zusammenfließen der Formen und Figuren in ausdrucksstarker Farbigkeit kann nur durch die klare Organisation der einzelnen Elemente entstehen. Ob in „Sommerblau“, die „Pilgerreise eines Philosophen“ oder dem Berlinzyklus mit den Kompositionen „Verkehr“, Richtungsänderung und „Kultur“: Die Vielfalt der Motive erschließt sich erst auf einen dritten und vierten Blick. Immer gibt es Neues zu entdecken. Die Konzentration auf einen Teilbereich eröffnet eine neue Bilderwelt, ein weiteres Gemälde im Bild, das auch für sich stehen könnte.

Eindringlich weist Kai Hellbardt mit handwerklich vollendeten, naturalistischen Elemente darauf, woher wir kommen und wohin wir gehen werden. Fast unerklärlich, dass diese Einzelheiten auf einer Leinwand Platz finden, denn ihre Lebendigkeit drängt über jeden noch so großformatigen Rahmen hinaus. Nahtlos könnten die einzelnen Werke aneinander gefügt werden und die Geschichte von der Entstehung der Welt erzählen. Alles ist miteinander verbunden, jedes erwächst aus dem anderen und nährt sich im wechselseitigen Fluss. Kein Wesen kann ohne das andere existieren. Fiktion und Wirklichkeit bedingen einander.

Die neueren Arbeiten von Kai Hellbardt verbinden sein Talent einer naturgetreuen Widergabe der Realität mit abstrakten Konstruktionen. So werden seine Werke zu einem gesellschaftskritischen Statement. Die archaischen Wesenheiten in einer durchtechnisierten Umgebung verweisen auf den Ursprung und machen klar, dass es ohne Natur auch keine Menschheit mehr geben kann.

Text: Sigrid Fontana