Anneli Schwager - Die Freuden des Lichts

26.03.2018

Kraftvoll aufwärts strebende Spiralen aus azurblauem bis hin zu violett changierendem Farbenspiel drängen in weißgelb schimmernde Helligkeit. Ein Sämling, dessen „Durchbruch“ ans Licht das immerwährende Wachstum und Streben nach Vervollkommnung versinnbildlicht. Die „Kreuzung gelb-blau Y“ ordnet diesen Prozess in klar umrissene Bahnen und Strukturen aus jenen beiden Komplementärfarben. Eine aufstrebende Lichtsäule durchdringt und verwandelt Barrieren, indem sie den natürlichen Gesetzen nach Vervollkommnung folgt und Widerstände überwindet, um neue Dimensionen erkennen und integrieren zu können.

Mit einer Werkschau großformatiger Werke von Anneli Schwager verwandelt die FLEXIM Galerie seit dem 20. März 2018 den weitläufigen lichtdurchfluteten Boulevard in eine Kunsthalle, die zum Verweilen einlädt. Die erste Ausstellung im neuen Firmengebäude ist eine Fortsetzung und Ergänzung der vorherigen. Aktuell zeigt die Berliner Künstlerin auf zwei Etagen eine Auswahl von Bildern, die zwischen 1992 und 2016 entstanden sind. Ihre Arbeiten verleihen der gradlinigen Architektur mit ihren schiefergrauen Bodenfliesen und honigfarbenen Holzdecken inspirierende Lebendigkeit und dynamische Eleganz, während das Tageslicht durch die vom Boden bis zur Decke reichenden Fensterfronten die strahlende Leuchtkraft der Gemälde noch betont.

Pulsierendes Grün überlagert loderndes Blau, das aus Weiß erwächst. Kontrastiert und verstärkt durch eine umrahmende Hülle in Braun und Anthrazit, strömt unbegrenzte Energie aus der mandelförmigen „Aureole blau“ und bannt die Blicke. Die von Goethes Farbenlehre inspirierte Künstlerin verleiht mit zahllosen Lasuren aus Gouache, Pigmenten und Acryl der Leinwand sinnliche Tiefe und Ausdruck. Grundiert mit zahllosen rhythmisch gesetzten Linien und Pinselpunkten sowie raffiniert darüber gelegten Druck-, Spritz- oder Fließtechniken lässt sie Bilder entstehen, die den Betrachter sinnlich und seelisch ansprechen und somit den kollektiven Wesenskern berühren.

Anneli Schwagers Arbeiten kommunizieren mit der Innenwelt und richten die Konzentration auf das Wegweisende. Über die Phänomene der Farben thematisiert sie den Lebenszweck der Menschheit nach Vervollkommnung und ihrer Aufgabe Gegensätze zu überwinden. Zinnober, Karmin und Kadmium wandeln sich auf der Leinwand über Blutrot, Feuerrot, Rosenrot oder Morgenrot in purpurn perlende „Lust“.  Meerblau, Veilchenblau und Himmelblau transzendieren in „Die Gottesanbeterin“ zu azurnem Seelenblau, das kühle gelbliche und warme rötliche Nuancen miteinander verschmelzen lässt.

Das Thema vertieft noch eine Auswahl abstrakter, gegenständlicher und expressionistischer Darstellungen in der zweiten Etage.  Anneli Schwager hat ein Examen in Kunst und Bewegungstherapie an der Akademie Loheland abgeschlossen sowie ein Diplom der Freien Malerei der Hochschule am Goetheanum in der Schweiz. Sie ist auf Sylt aufgewachsen und das klare Licht, die elementaren Farben und die stille Weite der nordischen Landschaft finden sich in ihren Werken wieder. Ihre Stadtbilder „Potsdamer Platz“  spiegeln die Farben des Lichts in den Glasfronten der Fassaden und verleihen dem strengen architektonischen Realismus eine pulsierende Lebendigkeit. Die Natur bleibt erhalten, auch wenn der Mensch sie in Formen zu pressen versucht. Der Blick von der Brücke am Schlossplatz auf die verschneite Stadtlandschaft mit einem Graffiti „Die DDR hat es nie gegeben“ vermittelt Stimmung und Stille eines Spaziergangs am Watt bei Ebbe.

Die Werke von Anneli Schwager besitzen eine Strahlkraft, die jeglichen Dualismus aufzulösen scheint und Einblicke schenkt in die Leichtigkeit des Seins ohne jegliche Beschränkungen durch äußere Zwänge. Von Zuversicht erfüllt wird der „Blick in den Grund“ oder zur „Himmelsleiter“ gelenkt. Sie verdeutlicht in jedem Bild: Der Weg verläuft jenseits von Glaubens Konstrukten durch und in ein farbenerschaffendes Licht. Wachstum wird zur Seelenessenz, ist  Energie und Bestimmung jeglicher Lebensform.

Text:  Sigrid Fontana

Blick in den Grund - 2000, Acryl, 120x120cmDie DDR hat's nie gegeben - 2009, Mischtechnik, 130x150cmHimmelsleiter rot - 1995/02, Aquarell, Acryl, Sand, 150x150cmLust - 2015/2016, Mischtechnik, 120x80cmAureole blau - 2016, Acryl, 200x130cm