Farbspiel - Bettina Weiß

14.05.2013

Im Mittelpunkt verbinden sich gerade diagonale Linien zu sternförmig angeordneten Winkeln, deren einzelne Elemente aus dem Bild herauszuwachsen scheinen. Ein Wechselspiel von gedeckten und leuchtenden Farbtönen verleitet zum Berühren, bringt die quadratische Fläche in Bewegung.  Wie bei einem Kaleidoskop ändern sich Form und Ausdruck bei jedem Perspektivwechsel. Wie lebendig und abwechslungsreich die Verbindung verschiedener Punkte mit Linien sein kann, beweisen die ausdrucksstarken Bilder der Künstlerin Bettina Weiß, die seit dem 16. April in der FLEXIM Galerie zu sehen sind.

Bettina Weiß begann ihr Studium der Bildenden Künste 1996 an der Kunsthochschule Kassel bei Prof. Rob Scholte, wechselte 1999 an die Universität der Künste in Berlin und schloss ihr Studium 2004 als Meisterschülerin bei der Japanerin Prof. Leiko Ikemura ab. Seit der Jahrtausendwende werden ihre Werke international in  zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. In ihrer Arbeit bezieht sie sich auf die Anfänge der abstrakten Kunst, zu deren Vorreitern zu Beginn des 20. Jahrhunderts die norwegische Künstlerin Hilma af Klingt, der Russe Frantisek Kupka oder Sonja und Robert Delaunay zählen. Ursprünglich ausgehend von den floraren Ornamenten fernöstlicher Kulturen und des  Jugendstils entwickelt Bettina Weiß in ihren neuen seriellen Werken eine geometrisch systematische Ausdruckskraft.

In einem speziell entwickelten Verfahren bereitet sie mehrfach beschichtete 24x24 cm große Quadrate aus massivem Holz vor und nutzt dessen vorgegebene natürliche Struktur für ihre in Tape Technik aufgetragenen Farbschichtungen. Mit feinen Miniaturtortenhebern ähnlichen Künstlerspachteln entstehen glatte samtig warm wirkende oder kühl metallisch glänzende Flächen. Deutlich abgegrenzt  zu den benachbarten Elementen, die gleichzeitig die Wechselwirkung von Nebeneinander und Gegenüber betonen. Aus dem Kleinformat auf bis zu 150x150cm gewachsen sind die plastisch hervorgehobenen Figuren auf grober mit Leim grundierter Leinwand. Die farbliche Abstimmung der spitzwinkligen, rhombischen oder harmonisch gleichschenkligen Elemente verleiht den geometrischen Körpern räumliche Ausdruckskraft, konzentriert den Blick,  lässt einen Moment innehalten und eintauchen in die Tiefe einer Fläche.

Bettina Weiß kombiniert Öl mit Acrylfarben, deren unkonventionelle Schichtung und Nachbearbeitung auch auf kleinsten Flächen unzählige Nuancen eines Farbtons entdecken lassen. Glänzendes kupfer-, silber- oder goldmetallic schimmert hinter klassischem Karmesinrot, Ultramarin oder Preußischblau. Die durchscheinende Maserung des Holzes wärmt kühles Türkis, sanfte Erdtöne oder mattes Grau neutralisieren schrilles Neon Pink und Orange. Buntstift oder Pastellkreide überpudern harte Kontraste, vertiefen oder dämpfen den aufgetragenen Farbton.
Fantasievolle Buchstabenkombinationen oder Lautmalereien titeln die Arbeiten von Bettina Weiß: Die Serie Lychen Bilder, Sun City, Yelle oder Miramar entstammen einer intuitiven Auswahl klangvoller oder ungewöhnlicher Ortsnamen aus aller Welt, manchmal wie bei Tropic Aspen in paradoxe  Beziehung gestellt. In den großformatigen Werke Bleep, Weep und Bing spielt sie  gleichzeitig mit Comicsprache und der  Aussagekraft meditativer Mandalas.

Jedes Bildquadrat lotet die Ausdrucksvielfalt serieller Arbeit in immer wieder anderen Farben und Formen aus.  Mit kaum wahrnehmbaren Abweichungen von der systematischen Linienführung weist Bettina Weiß auf menschliche Unvollkommenheit und dem Streben nach Vollendung. Jede  Komposition entwickelt ein energetisches Eigenleben, spiegelt die Essenz einer Stimmung, deren Ursprung, Entwicklung und Wandlung.

Text: Sigrid Fontana

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