Anneli Schwager - Grenzgänge

07.02.2017

Ursprünglich klar umrissene geometrische Formen lösen sich auf und verschwimmen mit dem Hintergrund. Unaufdringlich leuchtende Farbschöpfungen erschaffen lichtdurchflutete Wesenheiten, deren kontemplative Stille Zuversicht und „Hoffnung“ vermittelt. Erleuchtet von fünf cremeweißen und matt gelben Sonnen offenbart die „Stimmgabel“ ihre Klangwellen und dirigiert tänzerisch ein violett vibrierendes Universum. Aus einer verschobenen Mitte heraus flutet Gelb, wandelt Kreise in Bögen, verbindet und spiegelt blaugrün schattierte Flächen. Sie verschleiern den Schwung eines mit Säulenbeinen fest verankerten Körpers, bis sich ein blauer „Elefant“ dem Blick enthüllt.

In den letzten zehn Jahren sind die vielformatigen Bildkompositionen der Künstlerin Anneli Schwager entstanden, die in der aktuellen Ausstellung der FLEXIM Galerie seit dem 26. Januar 2017 dazu einladen, in der Hektik des Alltagsgeschäfts einen Moment innezuhalten. In Frankfurt geboren und auf der Nordseeinsel Sylt aufgewachsen, malt und zeichnet Anneli Schwager seitdem sie einen Stift in der Hand halten kann. In der anthroposophischen Stiftung Loheland schließt sie 1981 eine Ausbildung in den Bereichen Kunst, Malen und Bewegungstherapie ab und studiert anschließend am Goetheanum in Dornach Schweiz Malerei. Seit Mitte der achtziger Jahre arbeitet Anneli Schwager als freie Künstlerin, deren Werke in zahllosen Ausstellungen im In-und Ausland Beachtung finden, pendelt zwischen Sylt und Berlin und unterrichtet Malerei an verschiedenen Bildungsinstituten. 2012 veröffentlicht sie zudem ein Standartwerk zur Bildkomposition, das inzwischen in die 3. Auflage geht.

Anneli Schwager lotet die Grenzen aus zwischen Diesseits und Jenseits. Sie verwandelt auf Keilrahmen selbstbespannte Leinwand mit Farbpigmenten, abgemischt in Eiemulsion, Acryl oder Öl, Kreide und Gouache in plastische Flächen mit tiefgründig nuancierten Themenmelodien: ernst und heiter zugleich. Reliefartige Strukturen entstehen aus dem Zusammenspiel raffinierter Spritztechnik, einem speziell entwickelten Ölpausverfahren und zahllosen Schichten hauchdünn aufgetragener wässriger Pigmentmischungen, die den Kreis des kompletten Farbspektrums in sich tragen. So entstehen synästhetische Werke, die alle Sinne ansprechen und aus der Stille heraus eine eigene Melodie entwickeln; Anneli Schwager füllt ihren Klang mit Farben und rhythmisiert spielerisch die einzelnen Takte bis sie sichtbar geworden sind.

Inkarnatrosige Töne prägen die sieben Werke der aktuell vollendeten Serie Liebeshymnen, deren erotisch spirituelle Energie eine Verbindung schafft, die nicht zwingt aber bestimmt. Je nach Blickwinkel zeigt „Suse“ kein oder ein zufrieden in sich ruhendes Gesicht, bekränzt von angedeuteten Blüten. Gravierte Melodien auf den Hautfarben anmutenden Flächen folgen einem eigenem Tempo und lassen in nuancierter Lautstärke, malerisch umgesetzte Notenfolgen aus Chopins „Nocturne“ oder Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ erkennen. Ein Überfluss an Formen, Farben und schelmisch durchdringender Energie kennzeichnet die „Tochter des Himmels“, magisch verbunden über fließende Farbgespinste. Die aus sechs siebzig Zentimeter Quadraten zusammengefügte „Schöpfung“ weist einen Weg in die Unendlichkeit. Der Blick folgt einer Woge, die zum Zentrum weist, aus dessen kraftvollem Energiefeld neue Formen wachsen und zu einem Bildrand führen, an dem sich Anfang und Ende vereinen.

Anneli Schwagers Arbeiten eröffnen dem Auge eine transpersonale Harmonie, gewähren dem Geist philosophisch - metaphysische Nahrung und bereichern herausfordernde Lebensaufträge mit schöpferischer Energie. Ihr gelingt ein Konzentrat, das die reine Materie überwindet. Vielmehr begleiten ihre Werke einen seelischen Prozess, der wesentliche Elemente unter der Oberfläche freilegt und transzendiert bis sie ihre geistige Seite preisgegeben haben.

Text:  Sigrid Fontana

Anneli Schwager Die Hoffnung, 2016 Acryl/Gouache, 120x80 cmZwei Kreise, 2016 Acryl, 80x70 cmZwei Schafe, 2013 Gouache, Öl/Lwd, 30x24 cm