Andreas Zahlaus "Hermes – Fragmente"

27.06.2012

Straff gespannte Streifen oder zerknitterte Fetzen eines matten glatten Papiers auf dem groben Gewebe der Leinwand verführen zum Anfassen. In streng geometrisch geordneten Linien bildet auf der Leinwand befestigtes taiwansches Seidenpapier feste Schichten und setzt plastische Akzente. Aufgetragene Farben dringen nicht ein, sondern bleiben darauf stehen. Sie bilden weitere Ebenen und verstärken einen Raumeffekt hinter dem organische Strukturen verborgen liegen, überlagert von einem Wegenetz, das den Zugang zu tieferen Schichten zu verwehren scheint. Doch einzelne subversive Elemente finden einen Ausweg, bilden eine Dynamik aus und werden zum Aufhänger für eine veränderte Ordnung, die schon wieder von den neuen Entwicklungen auf dem Bild überlagert wird.

Seit dem 25. Juni 2012 zeigt die FLEXIM - Galerie acht großformatige Arbeiten von Andreas Zahlaus, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. Das Bühnenstück „Hermes in der Stadt“ von Lothar Trolle inspiriert den Künstler zu seinem gleichnamigen Bilderzyklus. Der Götterbote Hermes, Hüter der schönen Künste, der Wissenschaft, des Handels und des Sports ist als ideenreicher und kommunikativer Sohn des Zeus in der griechischen Mythologie positiv besetzt. Doch als Bote des Hades ist er auch ein Weltenzerstörer und Weltenerneuerer. Mit dieser Schattenseite setzt sich der Künstler auseinander. Andreas Zahlaus findet mit deinen Bildern eine Sprache für den Transformationsprozess und fragt welche Strukturen sich aus Leere und Chaos wiederbeleben, welche sich verändern und welche neu entstehen.

Andreas Zahlaus studiert Mitte der siebziger Jahre zunächst an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, wechselt 1979 an die Kunsthochschule Berlin - Weißensee und wird zwei Jahre später wegen staatsfeindlicher Äußerungen exmatrikuliert. 1993 erhält der bereits seit 1984 als Maler und Bildhauer anerkannte Künstler sein Abschlussdiplom. Seine Arbeiten werden mit zahlreichen Preise und Stipendien ausgezeichnet. Kaum zu beziffern sind seine Personalausstellungen in Galerien und öffentlichen Sammlungen. Darüber hinaus macht er sich einen Namen als Dozent für die Grundlagen in der bildenden Kunst. 

Die Arbeiten von Andreas Zahlaus setzen ein gesellschaftspolitisches Statement. Ein erdfarbenes und hellgraues Gitternetz wirkt wie die Reißbrettplanung eines Straßensystems, in dem eine roboterhafte Figur in einem panzerähnlichen Streitwagen die „Stadt im Griff“ hat und sich über alle Regeln hinweg zu setzen scheint. „Im Abflug“ befindet sich ein aus den Anfängen der motorisierten Gesellschaft stammendes Gefährt, welches die Phantasie mit einem Propeller zum Abheben verhilft. In den beiden Werke „Requiem“ und „Zu viele Noten“ zum Thema Mozartjahr wird eine getrieben wirkende Lichtgestalt fast verschlungen von dem enormen Sog des farbigen Hintergrunds und den fünf Linien, die seine Musik für die Nachwelt festhalten.

Hinter angedeuteten rot-schwarzen Knebelverschlüssen taucht Verpackungsmaterial des Staatlichen Kunsthandels der DDR auf, akkurat und sorgfältig in barrieregleichen breiten Linien auf der Leinwand befestigt. „Zugeknöpft“ titelt der Künstler seine politische Auseinandersetzung mit der Staatsmacht, der wie ein Überbau ohne Bodenhaftung wirkt, der nach unten immer durchlässiger und transparent wird. In „Nicht in mein Wohnzimmer“ scheint sich eine Figur gedanklich über die staatliche Vereinheitlichung hinwegzusetzen und für die Freiheit der Gedanken zu stehen. Es bleibt die Hoffnung, dass aus der Zerstörung, die Hermes auf seiner Wanderung durch die Städte hinterlässt, eine gesellschaftstaugliche Utopie des Zusammenlebens entsteht.                                                                         

Text Sigrid Fontana