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Dekonstruktive Gleichungen

Tommy Udo Gläser alias 20ONE7

Ein Irrgarten aus geraden Linien, spitzen Winkeln, Dreiecken, Quadraten, Kreisen und Punkten fängt die Blicke. An abstrahierte mathematische Gleichungen erinnernde Motive sind mit ethnischen Elementen überzeichnet. Matt weiße Oberflächen mit silbrig glänzenden Akzenten werden begrenzt durch schwarze Bögen und Linien. Geometrische Formen umreißen Konturen, kontrastieren mit Erdfarben und intensivieren einen Hintergrund aus Lagunentürkis und Blau. Schwungvolle Kreise greifen ineinander wie ein Räderwerk und werden zu Fragmenten von Gesichtern. Erinnernd an die kunstvolle Kalligrafie asiatischer Schriftzeichen fließen lichtvolle Grautöne ineinander, belebt durch sparsam dazu gemengtes Rot am Pinselrand.

Mit den hell transparenten abstrakten Werken des Kunstmalers Tommy Udo Gläser alias 20ONE7 trotzt die FLEXIM Galerie der dunklen Jahreszeit. Seit dem 27. September zeigt sie eine kleine Auswahl der vielfältigen kreativen Ausdrucksformen des jungen Künstlers und weckt die Neugier auf einen Besuch im Atelier. 1996 geboren und in Dresden aufgewachsen macht er eine zuerst eine Ausbildung zum Maler und Lackierer in Wolfsburg und danach das Abitur mit dem Schwerpunkt Gestaltung an den Semper Schulen in Dresden. Parallel assistiert er dem Künstler und Galeristen Holger John, der sein Talent fördert und ihn wie einen Meisterschüler ausbildet. Seit 2020 arbeitet er als freischaffender Kunstmaler.

Er bevorzugt für seine meist großformatigen Bilder Materialien aus dem Malerfachgeschäft, baut Leinwände selber, grundiert sie mit Latex oder Gips und spielt mit den Reaktionen der Werkstoffe. Angetrocknete Wandfarbe bricht in einer zweiten Schicht auf, schiebt Stücke übereinander, schafft so eine Struktur, die wiederum mit Lack überzogen, konserviert und hervorgehoben wird. Mit Rollen, Pinseln, Spachteln und ausgemusterten Plastikkarten aller Art, deren abgerundete Ecken fließend weiche Übergänge schaffen, setzt Tommy Gläser die Farben auf den Untergrund. Licht reflektiert in Glanzlack und wird von matten Oberflächen aufgesogen. Erdtöne, Grau und Schwarz wirken nicht düster, sondern gewinnen durch besondere Techniken an Licht, Tiefe und Leichtigkeit, kontrastieren mit sparsam gesetzten geraden und halbrunden Linien. Sie werden zu Gesichtern im Gesicht und verschieben sich zu bewimperter Einäugigkeit.

Auf quadratischem Hintergrund erinnern schwarz-braun-silbrige Senkrechten mit zitronigen Lichteffekten in Rotorange und Blau an abstrakte Winterlandschaften. Über wellenartigen Gipsreliefs und Schraffuren fließen Formen und Farben zusammen, fliegen verzerrte Konturen und Motive in pulsierend zielloser Energie vorbei, gebremst durch regelnde Schwünge in türkis, orangerot und gelb mit goldglänzenden Effekten. Dynamische Linienführung verwischt Einzelheiten in Drehungen und erzeugt den Eindruck, einem ewigen Kreislauf entfliehen zu können. Lücken in den Pinselstrichen schaffen Öffnungen und werden zu Auswegen. Neugierige hervorstechende Farbaugen scheinen nach der Bedeutung des sich wiederholenden X zu fragen. Ist es Symbol für die sich drehenden Flügel einer Mühle, ein unbekannter zu errechnender Faktor einer heimlichen Gleichung oder verkörpert es eine richtungsweisende Kreuzung?

Die abstrakten Arbeiten von Tommy U.Gläser alias 20ONE7 bieten den Betrachtenden unendlichen Interpretationsraum und lösen ein Wechselspiel der Gefühle aus, das für jeden andere Wirkung zeigt. Bewusst folgen seine Motive keinem Plan oder Konzept, sondern finden aus einem inneren Antrieb heraus den Weg auf die Leinwand. Nur wenige Werke sind betitelt, um die Fantasie nicht einzuengen. Für 20ONE7  darf, soll und muss Kunst aufzeigen, provozieren und anecken. Die abstrakte Bildsprache schenkt dem individuellen Vorstellungsvermögen kreative Denkanstöße und absoluten Freiraum.

Text: Sigrid Fontan