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Auflösung

Charlotte Bastian

Eine an norwegische Fjorde erinnernde Landschaft mit azurblauen Wasserflächen, gerahmt von sanft gerundeten Klippen, trägt den Titel „Warming3“. Sie enthüllt eine karg braune Felsformation, die durch das langsame Austrocknen des Sees nach Jahrmillionen unter Wasser freigelegt wurde. Auf den ersten Blick scheinen feurige Geysire zu beiden Seiten eines Weges eine schwefelgelbe Flüssigkeit zu spucken. Mittendrin ein Auto, dass in den Rauchnebeln beinahe unsichtbar wird. Doch diese unwirkliche Landschaft zeigt ein Anbaugebiet von Zuckerrohr, dessen Felder nach der „Ernte“ abgebrannt werden.

Seit dem 30. September 2019 zeigt die FLEXIM Galerie zum zweiten Mal ausgewählte Werke der Künstlerin Charlotte Bastian. Ihre neuen Arbeiten sind in den letzten zehn Jahren entstanden und führen die Auseinandersetzung mit den Themen Wasser, Natur und Umwelt weiter. Mit nachdrücklicher Neutralität werden sie zu eindringlichen Abbildern einer erbarmungslosen Zerstörung des Ökosystems. Charlotte Bastian vollendete ihr Studium 2005 an der Berliner Universität der Künste als Meisterschülerin von Professorin Leiko Ikemura. Seitdem wird ihre Arbeit mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet. Galerien und Kunsteinrichtungen in Deutschland, Europa und den USA präsentieren ihre Bilder in unzählbaren Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen.

Schwungvoll verarbeitet sie dünnflüssige Lasuren aus Eitempera, Acryl- und Ölfarben mit weit ausholenden und energisch gesetzten breiten oder schäumend getupften Pinselstrichen auf großflächigen Leinwänden. Zahlreiche nuancierende Farbschichten und mit dem Spachtel schraffierte Flächen verleihen den Werken von Charlotte Bastian tiefgründende Plastizität. Ihre Motive kombinieren die Essenz einer persönlichen Sammlung aus interessanten Fotos, Nachrichtenbildern oder eigenen Reiseeindrücken. Überflutung und Dürre, Raubbau an der Natur und die barbarisch anmutende Veränderung von Landschaft und Umwelt sind ihre vorherrschenden Anliegen.

Vom Weltall aus zeigen Satellitenbilder die riesigen Krater einer Kupfermine in Chile. Charlotte Bastian hat die makabre Ästhetik der trichterförmigen Vertiefungen im weißgrau verkarsteten Gestein mit zahllosen Stufen eingefangen, die an die steilen Pyramiden der Inkas und Azteken erinnern. Daneben fasziniert eine von grünen Flächen umrahmte tiefe Felsenschlucht in feurigen Brauntönen durch ihre Schönheit. Doch entstanden ist dieser Eindruck von „Madagaskar“ durch die totale Rodung des Regenwaldes in der Tropenlandschaft. Ein Kutter durchzieht eine Wasserfläche in der sich eine hügelige Umgebung zu spiegeln scheint. Doch der Titel „Ölfilm II“ weist auf die Verschmutzung der Weltmeere durch unverantwortlichen Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen.

Blaugrau metallisch schillernde Eisschollen treiben auf anthrazitfarbenem Untergrund. Schneebedeckte Bergkuppen und blassweiß nebliger Horizont verlaufen ohne sichtbare Trennungslinie ineinander. Wo fängt das Wasser an und löst das Ufer ab bevor der Himmel beginnt? „Melting“ lässt die Elemente übergangslos miteinander verschmelzen. Vordergründig romantisch und ruhig in der Darstellung bildet Charlotte Bastian Phänomen, Beschaffenheit und Auswirkung bewusster katastrophaler Zerstörung ab. Ortsunabhängig treibt das Ökosystem in Schieflage. Sachlich variiert und spielt sie mit einer doppelten Stimmungsebene, die einerseits ohnmächtig verstummen lässt, doch deren grausame Schönheit gleichzeitig fasziniert.

Text: Sigrid Fontana